Marketing? „Das brauchen wir nicht“

«Was ist eigentlich ihr Beruf und was machen sie so?» Mit diesen Fragestellungen konfrontiert antwortete ich kürzlich bei einem Unternehmensevent einem anderen geladenen Unternehmer wie folgt. «Ich bin Marketingberater.» «Aha, sie sind also auch in der Werbung tätig» lautete drauf die Schlussfolgerung meines Gegenübers. «Nein. Marketing ist nicht Werbung. Werbung ist ein Teil des Marketings. Meistens wird aber Marketing mit Werbung verwechselt.» waren meine Antworten.

Interessiert schaute ich meinem Gesprächspartner in die Augen. Mir wurde bewusst, wer sich nicht durch den «Marketing-Dschungel» mit all seinen betriebswirtschaftlichen Nebenschauplätzen gekämpft hat, weiss in der Regel mit diesen Antworten nur sehr wenig anzufangen. Aber ich musste das von Anfang an richtig stellen, weil offensichtlich immer wieder dieselben Schlussfolgerungen gezogen werden.

 

«Als Unternehmer stehen sie heute vor grossen Herausforderungen», begann ich mit meinen Ausführungen. «Sie müssen neue Kunden dazu gewinnen und bestehende Kunden noch fester an sich binden. Und für das benötigen sie eine gute Strategie, die alle Elemente aus dem Marketing-Mix mit berücksichtig. Da sind zum Beispiel die Marktleistungen wie Produkte und Dienstleistungen, oder Preise und Konditionen oder aber auch wo, wie, wann, an wen und womit sie auf ihre Angebote erfolgreich aufmerksam machen können. Und das alles immer aus der Sicht des Marktes und der eigenen Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen. Die Werbung baut dann schlussendlich auf den gewonnenen Erkenntnissen auf. Und für diese komplexen Aufgabenstellungen gibt es eben Marketingberater. Und so einer bin ich.»

 

«Ja aber, lautet die nächste Schlussfolgerung meines Gesprächspartners, das können sich doch nur grosse Firmen leisten. Und überhaupt, wir brauchen das gar nicht. Wir werden von unseren Kunden weiter empfohlen.» Das verschmitzte Lächeln im Gesicht meines Gesprächspartners verriet mir seine Genugtuung darüber, dass es offensichtlich nur zwei Sätze braucht, um aus seiner Sicht alle Marketinggrundsätze für immer und ewig auszuhebeln.

 

«Haben Sie auch schon Kunden an ihre Mitbewerber verloren?», konterte ich im Wissen darüber, was als nächstes kommen musste. «Ja, das kann schon mal vorkommen, aber wo passiert das nicht?» lautete die Antwort. «Richtig, aber sie glauben doch nicht, dass die Kunden welche zur Konkurrenz abwandern, sie trotzdem weiter empfehlen? Sehen sie, Empfehlungsmarketing ist auch wichtig, basiert aber stark auf der Zufriedenheit von bestehenden Kunden. Wenn also ein Kunde, der sie bis anhin empfohlen hat abspringt, aus welchen Gründen auch immer, verlieren sie doppelt.» Auf das sollten sie vorbereitet sein. Damit beendete ich meine Gegenargumente und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Vielleicht ein gutes Gespräch oder eine gute Gelegenheit sich auszutauschen und etwas mehr über Marketing in Erfahrung zu bringen?

 

Er nahm sein Glas und verabschiedete sich sehr höflich für den Rest des Abends. «Das brauchen wir nicht.» Der Schlüsselsatz, der vor allem bei kleineren Firmen immer wieder hartnäckig auftaucht. «Da müssen wir noch gewaltig Überzeugungsarbeit leisten.» dachte ich im Stillen für mich.

 

Es gibt kaum ein Beruf, der noch erklärungsbedürftiger ist als der des Marketingberaters. Manchmal wünschte ich mir ich könnte sagen, ich bin Arzt. Nicht weil ich das könnte oder wollte. Sondern ganz einfach weil das sicher alle sofort verstehen würden. Keiner würde sagen, die braucht es nicht, auch wenn es ihm oder ihr noch so gut geht. Dabei ist Arzt nicht Arzt. Aber sie haben alle etwas Gemeinsames. Sie versuchen zu helfen. Und das tun auch wir für unsere Kunden. So quasi als Marketingdoktoren. Jeder in seinem speziellen Fachgebiet. Und wer glaubt uns braucht es nicht, der wird es vielleicht schon beim nächsten Fieber merken.